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Перевод с немецкого языка: Журнальные статьи о семье

Nach Ablegen des Kindes strömen die Tränen

21.04.2014  ·  Seit drei Jahren gibt es in China die „Baby-Inseln“. Dort werden vor allem schwer kranke und behinderte Kinder abgegeben. Das eigentliche Problem sehen viele im unzureichenden Wohlfahrtssystem der Volksrepublik.

После отказа от ребенка льются слезы

21.04.2014г. Уже 3 года в Китае существуют «острова младенцев». Туда отдают, прежде всего, тяжелобольных детей и детей-инвалидов. Многие видят настоящую проблему в неудовлетворительной системе социального обеспечения народной республики.

Von PETRA KOLONKO, SHIJIAZHUANG

Das letzte Mal beobachtete Frau Wang, wie ein älteres Paar ein Kind zur Babyklappe brachte. Sie kamen zu Fuß den langen düsteren Weg um das ehemalige Fabrikgelände, hinter dem das staatliche Waisenhaus liegt. „Das Baby, das sie auf dem Arm hatten, war ganz ruhig auf dem Weg, aber als die beiden es im Häuschen abgelegt hatten, hörte ich es weinen. Das Paar ging schnell weg, der Frau strömten die Tränen über das Gesicht.“ Frau Wang wohnt in der Nähe des Fürsorgeheims von Shijiazhuang, und weil sie spät abends und früh morgens oft die Runde mit ihrem Hund macht, konnte sie schon öfter beobachten, wie einzelne Frauen oder auch Paare verstohlen Babys in dem Häuschen vor dem Waisenhaus ablegen. Die beiden, die sie vor einigen Tagen beobachtete, werden wohl die Großeltern gewesen sein, vermutet sie. Der Kleidung nach zu urteilen, waren es Leute vom Land. „Es ist eine traurige Sache“, seufzt Frau Wang. Die Leute, die im Heim arbeiten, sagen ihr, dass alle Kinder, die dort abgegeben werden, schwer krank oder behindert sind.

Vor dem Fürsorgeheim der Millionenstadt Shijiazhuang wurde vor drei Jahren die erste „Babyklappe“ Chinas eingerichtet. Sie heißt „Sichere Insel für Babys“. Der Weg dahin durch ein Industriegebiet und Baustellen ist auf Straßenschildern besonders ausgezeichnet. Das Häuschen ist bunt bemalt, mit einem kleinen Bett und einem Brutkasten ausgestattet. „Alle Kinder dieser Welt haben ein Recht auf Schutz“, steht auf einem bunten Bild vor der Eingangstür, und auf die Wand daneben sind Sätze aus der Kinderschutzkonvention der Vereinten Nationen geschrieben.

„Kind ablegen, Klingel drücken“, lautet die Anweisung. Aber auch ohne Klingelalarm wird alle zwei Stunden nachgesehen, ob ein Kind im Bett liegt. „Wenn ein Baby abgelegt wurde, kommt als Erstes die Polizei und dokumentiert den Fall“, sagt Frau Wang, dann erst wird es ins Heim gebracht. Mehr als 200 Kinder sind nach offiziellen Angaben seit Einrichtung der „Insel“ abgegeben worden.

Oft ist eine aufwendige Behandlung nötig

Nach dem Beispiel von Shijiazhuang sind in der Volksrepublik China in den vergangenen drei Jahren in 25 Städten „Baby-Inseln“ eingerichtet worden, in denen man anonym und ohne das Risiko strafrechtlicher Verfolgung Kinder abgeben kann, die letzte zu Beginn des Jahres im südchinesischen Guangzhou (Kanton). Die musste jetzt geschlossen werden. Das Waisenhaus war überlastet, in sechs Wochen wurden 262 Kinder abgegeben, und alle waren schwer krank oder behindert. Zwanzig starben kurz nach der Ankunft. Wegen Guangzhou ist jetzt eine Debatte darüber entbrannt, ob die „Baby-Inseln“ wirklich der richtige Weg sind, um ein schweres soziales Problem zu lösen. Immer wieder setzen Eltern in China Kinder mit schweren Krankheiten oder Behinderungen aus. Viele sterben, wenn sie nicht rechtzeitig gefunden werden.

„Die Inseln machen es den Eltern einfach, sich aus der Verantwortung zu stehlen“, sagt Frau Wang und gibt damit einer weitverbreiteten Meinung in China Ausdruck. „Wir brauchen die Inseln, um Kinder zu retten“, sagen dagegen ihre Befürworter. Es sei kein einfacher Schritt für die Eltern, Kinder auszusetzen oder abzugeben, sagt Tong Xiaojun von der Pekinger Jugend-Hochschule für Politik. Ohne die Inseln würden viele Kinder sterben.

Die Zahl chinesischer Eltern, die nicht in der Lage sind, ein behindertes oder pflegebedürftiges Kind großzuziehen, ist groß. Auf dem Land gibt es, wenn überhaupt, nur eine rudimentäre Krankenversicherung. Rehabilitation und Pflege von Behinderten ist aber teuer, zudem gibt es auf dem Land kaum Fachkräfte dafür. Die in den Inseln abgelegten Kinder haben oft Infantile Zerebralparese, Tumore, Kinderlähmung, verkrüppelte Gliedmaßen oder Herzfehler, die eine aufwendige Behandlung nötig machen.

Mehr Baby-Inseln als Übergangslösung?

Aber auch in den Städten steht eine Familie mit einem behinderten oder chronisch kranken Kind vor großen Kosten und Einkommensverlusten, denn zumindest einer muss die Arbeit aufgeben, um sich um das Kind zu kümmern. Der Staat zahlt, wenn die Behinderung amtlich anerkannt ist, nur eine kleine Beihilfe. Viele Ehen brächen wegen der Überlastung auseinander, sagt Tong Xiaojun.

Das zuständige Innenministerium hat allen Wohlfahrtseinrichtungen Anweisung gegeben, keine Auskünfte zum Thema Baby-Inseln zu geben. Es wirft ein schlechtes Licht auf China, das neue Bahnhöfe, Flughäfen und Wolkenkratzer baut und Milliarden in die Raumfahrt steckt, wenn es nichts für seine behinderten Kinder tut. Nach offiziellen Schätzungen kommen jedes Jahr 900.000 Kinder behindert oder krank zur Welt. Tong Xiaojun fordert, die gesundheitliche Betreuung und Aufklärung der Frauen bei Schwangerschaft und Geburt müsse verbessert werden. Schon damit könne die Zahl der behinderten Kinder stark verringert werden. China brauche aber ein umfassendes Wohlfahrtssystem für Kinder. Der Staat habe das inzwischen erkannt. Bis es so weit sei, brauche China mehr Baby-Inseln, nicht weniger.

Auch das Innenministerium will die Inseln beibehalten. Selbst die offizielle „Volkszeitung“ kommentiert, „die Baby-Inseln seien Ausdruck staatlichen Schutzes der Kinder und nicht Anreiz für die Eltern, Kinder auszusetzen. Frau Wang aus Shijiazhuang sagt, der Staat müsse den Eltern Geld geben, dann gäben sie ihre behinderten Kinder nicht auf. Es sei doch auch viel besser, wenn die Kinder von ihren Eltern gepflegt werden. Im Heim würden sie nie so gut behandelt wie zu Hause.

 

Der Stress der Eltern macht Kinder krank

06.03.2014  ·  Gesundheitlich und finanziell geht es den Eltern in Deutschland nach einer aktuellen Studie immer besser - doch der Stress nimmt zu. Und wird damit auch für die Kinder zur Belastung

 

Immer mehr Eltern und ihre Kinder in Deutschland leiden unter Hektik und Zeitmangel in der Familie. Der Anteil der Eltern, die sich durch Zeitstress stark belastet fühlen, stieg innerhalb von vier Jahren von 41 auf heute 46 Prozent. Kinder gestresster Eltern fühlen sich dabei deutlich häufiger gesundheitlich beeinträchtigt.

Insgesamt sind aber 93 Prozent der Eltern mit ihrem Familienleben zufrieden, zeigt die am Donnerstag in Berlin vorgestellte AOK-Familienstudie 2014. „Zwei Drittel der Eltern fühlen sich auch gesundheitlich sehr gut“, sagte AOK-Chef Jürgen Graalmann. Der Anteil der Eltern mit finanzieller oder psychischer Belastung sank im Vergleich zur Vorgängererhebung deutlich auf 28 beziehungsweise 25 Prozent.

Graalmann machte die gute wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland als Ursache aus. Sorgen bereitet den Studienautoren der zunehmende Stress. „Gestresste Eltern haben häufiger Kinder mit gesundheitlichen Beschwerden“, sagte Graalmann. Insgesamt zeigt jedes fünfte Kind in Deutschland laut Studie regelmäßig Beschwerden wie Gereiztheit, Einschlafstörungen, Bauch- oder Kopfschmerzen. 24 Prozent der Eltern, die sich zeitlich stark belastet fühlen, haben Kinder mit solchen Beeinträchtigungen. Bei Eltern mit wenig zeitlicher Belastung sind es nur 16 Prozent.

Helfen könnten laut Studie verlässliche Kinderbetreuung, die Chance, zuhause zu arbeiten, und flexible Arbeitszeiten. So haben Eltern, die sich als gesund bezeichnen, zu 57 Prozent die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten. Bei Eltern mit schlechtem Gesundheitszustand sind es nur 38 Prozent.

Eltern sollten auf sich achten, Zeit in der Familie verbringen und breite soziale Netze aufbauen, riet die Hamburger Gesundheitspsychologin Ulrike Ravens-Sieberer. Besonders wichtig auch für die Gesundheit der Kinder sind laut Experten feste Regeln und Routinen wie gemeinsame Mahlzeiten, Ausflüge, Aktivitäten. Doch der Anteil der Eltern ohne solche Gewohnheiten ist binnen vier Jahren von 7 auf 12 Prozent gestiegen.

Probleme gibt es verstärkt bei Alleinerziehenden: Hier empfinden 17 Prozent ihren Gesundheitszustand als schlecht und 35 Prozent als mittelmäßig.

Du gehörst nicht mehr zu mir

22.02.2014  ·  Ein Gericht hat entschieden: Selbst wer lange keinen Kontakt mehr zu Vater oder Mutter hatte, muss für deren Pflege zahlen. Aber wie geht das überhaupt, wenn Kinder und Eltern sich voneinander lossagen? Drei Beispiele.

Von KATRIN HUMMEL

Auf dem Bord über Renate Puchls Bett steht eine Erinnerung an gute Tage: eine gläserne Schneekugel, die ihr Sohn ihr vor vielen Jahren zum Muttertag geschenkt hat. Schüchtern, liebenswert und folgsam war Andreas als Kind. Jetzt ist er 43 und im Gefängnis. Seit 19 Jahren schon. Er ist ein Raubmörder. Sehen wollte sie ihn nie wieder, nicht beim Prozess, nicht im Gefängnis. Und als ein Anwalt Geld von ihr wollte, um ihn zu verteidigen, gab sie ihm keins. „Ich hatte keins“, sagt sie, „und ich wollte auch nicht, dass er rauskommt. Ich hatte Angst, dass noch was passiert. Ich hab’ zu dem Anwalt gesagt: ,Lassen Sie ihn drin.

Puchl, 61, Angestellte in einer hessischen Textilreinigung, hat den Kontakt zu ihrem einzigen Sohn abgebrochen. Sie will nichts mehr mit ihm zu tun haben, auch nicht, wenn er rauskommt - solange sie sich nicht sicher ist, dass er „zu hundert Prozent“ vernünftig geworden ist. Zu viel hat er ihr angetan. Nach der Tat musste sie Valium nehmen, sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Den gleichen Nachnamen wie ein Mörder zu tragen, das führte in der Kleinstadt, in der die Tat geschehen war und in der sie lebte, zum gesellschaftlichen Ausschluss. „Es war die Hölle“, sagt sie. „Er hat ja nicht nur sich selbst was angetan, sondern der ganzen Familie.“

Schuldgefühle und überzogene Erwartungen

Nun ist die Geschichte der Puchls eine besonders drastische. Kein Mensch sei verpflichtet, einen Mord zu verzeihen, sagt die Familientherapeutin Eva Orinsky; ein Mord sei eine Schuld, die nicht wiedergutzumachen ist. „Vielleicht kann die Mutter aber auch die Not des Sohnes nicht ertragen, denn die Not konfrontiert die Mutter mit ihren Schuldgefühlen und mit ihrem eigenen Schmerz.“ In jedem Fall liege, wenn Eltern den Kontakt zu ihrem erwachsenen Kind abbrechen, eine große Enttäuschung vor - eine Enttäuschung, die auch auf überzogenen Erwartungen der Eltern basieren könne.

Doch es gibt sie auch in alltäglicherer Form, die Fälle, in denen Eltern sich von ihren Kindern lossagen oder umgekehrt. Selbst wenn das gegen eine Art Lebensgesetz verstößt. Von Freunden, Liebhabern, Ehepartnern trennt man sich - aber von Mama und Papa, vom Kind? Und man mag das fair finden oder nicht: Die verlassenen Kinder müssen künftig finanziell für ihre pflegebedürftigen Eltern einstehen - sofern die sich um sie gekümmert haben, bis sie achtzehn wurden. Das hat der Bundesgerichtshof in der vergangenen Woche entschieden.

Jahrzehnte der Zurückweisung

Auch Tatjana Vogt wird zahlen müssen. Seit sieben Jahren hat die 46 Jahre alte Frau keinen Kontakt mehr zu Mutter, Adoptivvater und Halbgeschwistern. Die lebendige blonde Frau, die sich im Gespräch ständig grundlos für alles mögliche entschuldigt, hat den Kontakt selbst abgebrochen - aber nur, weil die Mutter sie dazu getrieben hat, wie sie erzählt. Nicht von jetzt auf gleich, sondern nach Jahrzehnten der Zurückweisung. Als Kind einer alleinerziehenden und berufstätigen Mutter hatte sie die ersten viereinhalb Lebensjahre im Kinderheim leben müssen und nur am Wochenende zur Mutter gedurft - eine in den Sechzigern gängige Praxis. Als die Mutter dann heiratete, durfte sie zu ihr ziehen. Noch als Schülerin erfuhr sie von ihren Großeltern, dass ihr Adoptivvater nicht ihr leiblicher Vater war. Obwohl die Mutter sie warnte, weiter zu fragen, hatte sie damit den Ansatz einer Erklärung dafür, dass die Mutter sie so viel härter behandelte als ihre beiden jüngeren Halbbrüder. „Es gab keine Zuneigung, keine Zärtlichkeit, kein Lob. Nur Kritik. Mein Gefühl sagte mir, dass sie mich weniger liebt.“

Lasst die Kinder in Ruhe!

22.02.2014  ·  „Gestört“, „hyperaktiv“: Auffällige Schüler werden schnell in Therapie geschickt. Kinderarzt Michael Hauch wehrt sich gegen Lehrer und Eltern, die ihn zum Rezeptautomaten degradieren - weil sie ihr eigenes Versagen nicht sehen.

 

Leon ist sieben. Er interessiert sich für Baustellen und Lastwagen. Er klettert gerne auf Bäume, rast mittags mit seinem Fahrrad um den Block und spielt mit seinen drei älteren Schwestern. Abends schaut er im Fernsehen seine Lieblingssendung. Ich betreue Leon, als sein Kinderarzt, seit seiner Geburt. Ich helfe ihm bei kleineren Infekten, impfe ihn und führe die Vorsorgeuntersuchungen durch. Aus kinderärztlicher Sicht ist Leon ein normal entwickelter Junge. Rundum gesund. Seine Lehrerin aber findet ihn deutlich auffällig - drei Monate nach seinem ersten Schultag. Leon erledige zwar seine Hausaufgaben gewissenhaft, sagt sie der Mutter. Er komme im Unterricht gut mit, aber er könne sich nicht konzentrieren. Deshalb brauche er dringend Ergotherapie. Ohne Ergotherapie werde Leon bald dem Unterricht nicht mehr folgen können.

Jetzt steht Leons Mutter vor mir in meiner Praxis. Die erste Therapiestunde sei für heute Nachmittag vorgesehen, sagt sie: „Sie müssen mir nur noch das Rezept unterschreiben.“

Leon ist kein Einzelfall. Es vergeht kaum ein Tag bei meiner Arbeit als Kinder- und Jugendarzt, an dem nicht verunsicherte Eltern um Physio-, Ergotherapie- oder Logopädieverordnungen für ihre aus meiner ärztlichen Sicht altersgerecht entwickelten Kinder bitten. Geschickt werden sie vor allem von Grundschullehrern und Grundschullehrerinnen. Am liebsten gleich mit einer fertigen Diagnose: „Ihr Kind hat eine Sprachstörung und eine Lese-Rechtschreib-Störung.“ Andere geäußerte Befunde lauten: „Ihr Kind ist hyperaktiv“ bis hin zu „Vermutlich ist ihr Kind wahrnehmungsgestört“. Gerne wird von Nichtärzten auch diagnostiziert, dass der Sechsjährige unter einer zentralen Hörstörung oder einer Rechenschwäche, der sogenannten „Dyskalkulie“, leidet. Meist stehen die Eltern dann vor mir und haben neben diesen Diagnosen auch schon gleich einen fertigen Therapievorschlag im Gepäck: „Mir wurde gesagt, dass mein Kind dringend Ergotherapie braucht.“

In nicht seltenen Fällen hat die Schule den Vätern und Müttern auch noch den „passenden Therapeuten“ empfohlen: „Dieser hat auch schon anderen Kindern gut geholfen“, bekomme ich dann zu hören, verbunden mit dem Zusatz: „Ich habe auch schon einen Termin für meinen Sohn dort ausgemacht.“ Das Rezept als Lösung für Probleme, die entstehen, weil Eltern und Lehrer ihrer Aufgabe, Kinder bei ihrer individuellen Entwicklung zu begleiten, nicht mehr nachkommen.

„Sie müssen mir nur noch die Verordnung unterschreiben“

Dass ich als Arzt prüfen muss, ob überhaupt eine therapiebedürftige Störung vorliegt und, wenn ja, welche Therapie wann sinnvoll ist, spielt auf diesem ganzen Weg keine Rolle mehr. So kommt es dann, dass die Mutter von Leon oder die von Noah, Ben oder Hendrik - es sind überwiegend Jungen, für die ich als Rezeptautomat funktionieren soll - vor mir steht und sagt: „Sie müssen mir nur noch schnell die Verordnung unterschreiben.“

Inzwischen bekommt in Deutschland je nach statistischer Quelle jedes vierte oder sogar dritte Kind unter 15 Jahren Physiotherapie, Ergotherapie oder Sprachtherapie verordnet. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie des Wissenschaftlichen Institutes der Krankenkasse AOK erhielten im Jahr 2012 rund 193 000 Kinder unter 15 Jahren sprachtherapeutische Leistungen.

Unbehandelt können Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten tatsächlich den Lebensweg eines Kindes erheblich beeinträchtigen. Sie können dazu führen, dass ein Kind einen schlechten oder gar keinen Schulabschluss schafft, keinen Ausbildungsplatz und später keine Arbeit findet. Sicher, Jugendliche, die mit der Sprache Probleme haben oder denen es an Konzentration mangelt, können auf die schiefe Bahn geraten und als Erwachsener lebenslang abhängig vom Sozialsystem sein. Das heißt, Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten können nicht nur für die Betroffenen und ihre enge Umgebung Leid bedeuten, sie verursachen auch für die Gesellschaft hohe Kosten. Wir Kinderärzte verschließen nicht die Augen, wir sehen täglich in den Vorsorgeuntersuchungen, was längst belegt ist: Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen, insbesondere im Bereich der Konzentration, Sprache und Motorik, nehmen zu.

Elternglück für Kinderlose!

12.02.2014  ·  Wer keinen eigenen Nachwuchs hat, sucht oft intensive Bande zu Nichten, Neffen und den Sprösslingen von Freunden. Der Vorteil: Die kann man wieder abgeben.

Von JULIA SCHAAF

 In seinen Zwanzigern fand Dorin Popa es aus politischer Überzeugung unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen. In seinen Dreißigern, als ihm schlagartig die eigene Endlichkeit bewusst wurde und er deshalb jede x-beliebige Frau geschwängert hätte, hat es irgendwie nicht geklappt. In seinen Vierzigern dämmerte ihm schließlich: Vielleicht würde er nie Vater. Dann bekam eine enge Freundin Zwillinge, und Dorin Popa dachte schon bei seinem Besuch im Krankenhaus: „Okay. Ich bin jetzt 44. Ich nutze das parasitär aus und hol’ mir, was ich kriegen kann.“

Er wechselte Windeln und trug schreiende Babys am See auf und ab. Bald verabredete er mit den Eltern einen festen Tag in der Woche, an dem er die Betreuung übernahm. Auch als die Kleinen in die Krippe kamen und eine Nanny eingestellt wurde, sprang Popa ein, wann immer die Kinder krank waren. Im Gegensatz zu den Eltern mit ihren geregelten Arbeitszeiten war er, der Freiberufler, flexibel. Und als die Zwillinge drei Jahre alt waren und wieder ein neues Kindermädchen gesucht wurde, übernahm Popa ganz.

„Panks“ als wichtige neue Bevölkerungsgruppe

Zwei Nachmittage durch die Wohnung toben, vorlesen oder auf den Spielplatz gehen - als Minijob. Die Eltern wollten ihn bezahlen. Popa ging es nicht ums Geld. Der Zweiundfünfzigjährige sagt: „Ich finde es wahnsinnig erfüllend und bereichernd. Jede Zeit mit den Kindern bringt mir mehr als mein Beruf, den ich wirklich liebe.“

Man könnte Dorin Popa als „Punk“ bezeichnen, in einer männlichen Abwandlung des Akronyms „Pank“, das gerade von Amerika über Großbritannien nach Deutschland schwappt. Die Abkürzung von „professional aunt (uncle), no kids“ meint kinderlose Erwachsene, die intensive Beziehungen zu ihren Nichten und Neffen, zum Nachwuchs von Freunden oder zu Patenkindern aufbauen. Erst kürzlich hat das Marktforschungsunternehmen Euromonitor „Panks“ als wichtige neue Bevölkerungsgruppe identifiziert, die in den nächsten Jahren weiter wachsen werde.

Man muss den Begriff nicht sympathisch finden. Wie andere Trendlabel auch, wie „Dinks“ („double income, no kids“) und „Woopies“ („well-off older people“), handelt es sich um eine Erfindung von Marketingstrategen, denen es weniger darum geht, soziologisch fundiert gesellschaftliche Entwicklungen zu erfassen, als lukrative Zielgruppen zu erschließen. Folgerichtig haben die Marktforscher von Weber Shandwick in einer Studie aus dem Jahr 2012 in Amerika 23 Millionen „Panks“ identifiziert.

Konsumwünsche werden zweitrangig

Wichtiger noch: Jede dieser Frauen investiere jährlich im Schnitt 387 Dollar pro Kind, das ihr am Herzen liege, drei Viertel der Frauen gäben jeweils sogar mehr als 500 Dollar aus. Das macht, wie Weber Shandwick frohlockend hochrechnet, neun Milliarden Dollar Kaufkraft. Der Schöpferin des Akronyms, der Amerikanerin Melanie Notkin, kann man derweil auf ihrer Internetplattform („cleveres Tantchen“) dabei zusehen, wie sie bei einem New Yorker Shoppingsender teuren Plastikschrott aus dem Spielzeughandel als ideales Weihnachtsgeschenk anpreist.

Dorin Popa sagt: „Das Schöne an Kindern ist ja, dass materielle Dinge eigentlich gar keine Rolle spielen.“ Natürlich gehe er, der gebürtige Münchner, mit den Zwillingen jedes Jahr zum Oktoberfest. Aber sobald man gemeinsam Kastanien sammele, würden Konsumwünsche zweitrangig.

Wer pflegt die Oma?

10.02.2014  ·  Die einen bilden aus, die anderen werben an. Auf die Frage, wo dringend benötigte Altenpflege-Fachkräfte herkommen sollen, geben die Heimbetreiber unterschiedliche Antworten.

Von CHRISTIAN PALM

Ignacio Rodríguez Úbeda hat es in der Wetterau nicht gefallen. Nicht so sehr jedenfalls, um dort auf Dauer in einem Seniorenheim zu arbeiten. Der Spanier hat Hessen deshalb wieder verlassen und ist in seine Heimat zurückgekehrt. Vor fast genau einem Jahr kam Úbeda am Frankfurter Flughafen an und wurde empfangen wie ein Popstar. Schließlich sollte er helfen, den Mangel an Altenpflegern zu beheben. Wenige Monate später reiste er wieder ab. Der Liebe wegen. Die meisten der knapp 50Spanier, die das Land mit der Bundesagentur für Arbeit und weiteren Partnern für hessische Pflegeheime angeworben hatte, sind hingegen geblieben, zwei auch in Frankfurt.

Ohnehin ist die Stadt eine Art Versuchslabor für die Bekämpfung des Fachkräfte-Mangels in der Pflegebranche. Außer den Spaniern arbeiten in hiesigen Heimen nun auch die ersten chinesischen Gastpflegerinnen. Die ersten fünf haben vor wenigen Wochen ihren Dienst angetreten. Jene 150, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen sollen, bilden womöglich nur einen Anfang.

Gesetzliche Fachkraftquote von 50 Prozent

Die beiden erwähnten Spanier arbeiten in einem Heim des Frankfurter Verbands. Der Vorstand des stadtnahen Heimbetreibers glaubt aber nicht, dass die massenhafte Anwerbung ausländischer Kräfte den Mangel an Fachkräften beheben kann. „Wir machen das nur in homöopathischen Dosen“, sagt Frédéric Lauscher. Der Aufwand für Sprachkurse, Fortbildungen und die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse sei derzeit sehr groß. Von je weiter her die Fachkräfte kämen, desto größer seien die sprachlichen und kulturellen Barrieren.

Die Situation in deutschen Pflegeheimen unterscheidet sich in zweierlei Hinsicht von der in anderen Ländern. Einerseits schreibt der Gesetzgeber eine Fachkraftquote von 50 Prozent auf den Stationen vor. Das heißt, dass auf eine Pflegehilfe ein ausgebildeter Pfleger kommen muss. Zum Zweiten gibt es in anderen Ländern keine Ausbildung, die der hiesigen zum Altenpfleger entspricht. Die fünf chinesischen Pflegerinnen, die seit wenigen Wochen in einem Heim der privaten Curanum-Gruppe arbeiten, haben in ihrer Heimat eine Krankenpfleger-Schule besucht und mussten sich nun auf die Altenpflege spezialisieren.

Fokus auf Europäer

Lauscher hält es zudem nicht für sinnvoll, Kräfte aus Ländern anzuwerben, die selbst zu wenig ausgebildete Pfleger haben. Dies sei in China aber aus seiner Sicht der Fall, während Spanien zurzeit eher einen Überschuss an Fachkräften habe. Gerade sei er in Verhandlungen mit einem Partner in der Slowakei. Aber auch bei dieser Kooperation gehe es allenfalls um die Anwerbung von zwei oder drei Arbeitskräften.

Die Kooperation mit Spanien will das Sozialministerium nicht ausbauen, wie es im hessischen Sozialministerium heißt. Auch eine Suche außerhalb Europas sei bisher nicht angedacht, sagt eine Sprecherin von Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). Zwar sei jeder Zuzug von willigen und fähigen Pflegern ein Gewinn. „Wir in Hessen setzen aber unseren Fokus auf den EU-Raum, weil wir meinen, hier größere Chancen zu haben, die Menschen längerfristig in Hessen zu halten“, sagt die Sprecherin. Von den 46 Spaniern seien drei nach Hause zurückgekehrt.

Weiterbildung von Pflegehelfern fördern

Die Landesregierung versucht derzeit vor allem, die Ausbildung voranzutreiben. In den vergangenen fünf Jahren lag die Zahl der Absolventen von Pflegeschulen zum ersten Mal über 5000. Seit 2008 ist sie um 2000 gestiegen.

Was hessenweit funktioniert, versuchen Lauscher und sein Frankfurter Verband im Kleinen. Noch gebe es ungenutzte Potentiale, sagt er, etwa in der Weiterbildung von Pflegehelfern. „Aiqua“ nennt sich ein Projekt, dass der Frankfurter Verband mit der Werkstatt Frankfurt betreibt. Die Abkürzung steht für „arbeitsintegrierte Qualifizierung in der Altenpflege“. Sie richtet sich an Angestellte, die schon in den Heimen arbeiten und nun nebenbei die Ausbildung zur Fachkraft absolvieren können. „Wir haben noch viele un- und angelernte Arbeitskräfte, die wir zu einer Ausbildung motivieren können“, meint Lauscher. Nur müsse man die verschiedenen Gruppen richtig ansprechen.

Einen ähnlichen Weg gehen die Malteser. Sie bieten auch in Frankfurt die Möglichkeit, sich zum „kultursensiblen“ Pflegehelfer ausbilden zu lassen. Der Kurs dauert sechs Monate und enthält vor allem Sprachkurse. Die Teilnehmer sollen aber auch erfahren, wie verschiedene Kulturen mit den Themen Altern und Pflegebedürftigkeit umgehen. Er richtet sich vornehmlich an Lernwillige mit ausländische Wurzeln, die schon länger in Deutschland leben.

In wenigen Berufen finden ausgebildete Kräfte derzeit so leicht eine Anstellung wie in der Pflegebranche. Wenn er extern suchen müsste, würde er wohl niemanden finden, sagt Lauscher. Der Markt sei schlicht leergefegt. Lauscher ist aber in einer Lage, von der andere Heimbetreiber nur träumen können: Er kann auswählen, wen er einstellt. Der Frankfurter Verband hat eine eigene Pflegeschule und das Projekt „Aiqua“. Jedes Jahr schließen mehr als hundert Pfleger die verschiedenen Ausbildungen ab, und damit mehr als Lauscher einstellen muss. Doch dieser Luxus wird nicht von Dauer sein. Das Angebot an Fachkräften in Deutschland sei endlich und eine „Pensionierungswelle“ stehe bevor, sagt Lauscher. „Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen, weder für uns noch für Unternehmen in anderen Branchen.“



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Категория: Языковедение | Добавлено: 23.07.2014 Просмотров: 509 | Рейтинг: 0.0/0
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